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Kernkompetenzen

Katastrophenschutzbedarfsplanung

Die Corona-Pandemie, starke Schneefälle und zuletzt die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen: Der Katastrophenschutz in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren einem Stresstest unterzogen. Immer häufiger rückt dabei die Frage in den Vordergrund, ob wir für die Katastrophenbewältigung richtig aufgestellt sind. Katastrophenschutzbedarfspläne zielen darauf ab, den Betrachtungsfokus um die Frage zu erweitern, welche Ressourcen gebraucht werden.

Die Ermittlung der erforderlichen Ressourcen im Katastrophenschutz ist komplex. Während in anderen Bereichen der Gefahrenabwehr, wie beispielsweise dem abwehrenden Brandschutz oder dem Rettungsdienst, die Bedarfsplanung bereits seit Langem etabliert ist, zeigen sich im Bereich des Katastrophenschutzes Defizite. Vor diesem Hintergrund hat sich auf Basis unserer Projekterfahrung ein szenarienbasiertes Vorgehen in den folgenden fünf Schritten als praktikabel erwiesen:

Szenarienbrainstorming, Szenarienauswahlworkshop, Szenarienfolgeworkshops, Ableitung der Bedarfsmaxima und SOLL-IST-Abgleich.

5 Schritte der Katastrophenschutzbedarfsplanung

(1) Szenarienbrainstorming


Zentrale Fragestellung des Szenarienbrainstormings ist die Fragestellung, welche Szenarien aufgrund allgemeingültiger Erfahrungen grundsätzlich denkbar wären. Klassische Szenarien in diesem Zusammenhang sind beispielsweise Hochwasser, Unwetterlagen, Cyberangriffe oder der langanhaltende Stromausfall. Abhängig von der Region sind allerdings geographische Anpassungen erforderlich, so sind in den Alpen grundsätzlich auch andere Szenarien denkbar als an der deutschen Küste. Darüber hinaus geht es um das Sammeln und Bündeln möglichst vieler Risiken in den Szenarien. Bestehen relevante Anschlagsziele? Welche KRITIS gibt es im Zuständigkeitsbereich? Sind Hochwasser- oder Georisiken vorhanden?

Risikomatrix der Katastropphenschutzplanung

(2) Szenarienauswahlworkshop


Nachdem eine umfassende Sammlung an denkbaren Szenarien vorliegt, ist es Ziel des Szenarienauswahlworkshops, die Szenarien unter Nutzung verschiedener interdisziplinärer Expertinnen und Experten auf die relevantesten zu reduzieren. Die Relevanz ergibt sich als Ergebnis der Anwendung einer Risikomatrix mit den Risikodeterminanten Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß. Als dritte Determinante wird in letzter Zeit häufiger die Vorwarnzeit des Ereignisses, die sogenannte Velocity of Risk, diskutiert.

Die Vorteile der Einbindung von Expertinnen und Experten in diesem Zusammenhang liegen auf der Hand, jedoch gibt es auch Probleme. Häufig können Expertinnen und Experten lediglich ihr „eigenes“ Risiko adäquat bewerten. Dazu kommen unterschiedliche Erfahrungsgrundlagen und Herangehensweisen an die Risikodeterminanten.

Besonders deutlich wird das am Beispiel des Szenarios Terror. Eine zuverlässige Aussage über die Eintrittswahrscheinlichkeit eines derartigen Szenarios in Deutschland bzw. im konkreten Zuständigkeitsbereich der KatS-Behörde ist nicht möglich. Weitere Probleme bestehen durch die Auswirkungen des Klimawandels mit einer Tendenz zur Häufung von Naturkatastrophen. Es stellt sich die Frage, ob ein HQ-100-Szenario überhaupt noch hundertjährig ist.

Exkurs: Experteneinbindung


Die Effektivität und inhaltliche Güte der Workshops hängen von der Auswahl der Teilnehmer ab. Die Einbindung von externen Experten ist daher dringend erforderlich. Die Anzahl der Experten bewegt sich allerdings in einem Spannungsfeld aus der Darstellung der kompletten Bandbreite des Katastrophenschutzes und einer moderierbaren Gruppengröße. Es empfiehlt sich daher eine gut geplante Aufteilung der Experten, zunächst für den Szenarienauswahlworkshop und anschließend entsprechend der fachlichen Relevanz für die Szenarienfolgeworkshops. Demnach scheint es sinnvoll, zunächst beispielsweise mit Behörden und Versorgern ein Problem zu definieren, welches anschließend in den Szenarienfolgeworkshops mit Hilfsorganisationen und weiteren Experten gelöst wird.

Sowohl Erkenntnisse aus der Sozialforschung als auch die Erfahrungen aus jüngsten Impf-Kampagnen in der Pandemie zeigen die Relevanz der Einbeziehung vulnerabler Gruppen, wie beispielsweise Behinderten-Interessensvertretungen oder Migrantenverbände, z. B. hinsichtlich der Ansprechbarkeit im Rahmen von Warnkonzepten. Für die Bewältigung von Katastrophen sind zusätzliche Ressourcen aus der Wirtschaft, der Landwirtschaft oder Spontanhelferinitiativen von großer Bedeutung. Der Einsatz bedarf allerdings einer übergeordneten Koordination, was sich in der Vergangenheit als nicht immer trivial herausgestellt hat. Gerade Social-Media-Plattformen rücken in diesem Zusammenhang zunehmend in den Fokus, so etwa bei der Hochwasserlage 2020 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Eine Einbeziehung von Vertretern dieser Gruppen in die Szenarienfolgeworkshops ist sinnvoll und wichtig, um die Bandbreite der vorhandenen Ressourcen gesamtgesellschaftlich abzubilden. Sofern bestimmte Ansprechpartner nur für Einzelfragen interessant sind, ist die Einbindung über vorab geführte Interviews möglich.

(3) Szenarienfolgeworkshop


Im vorherigen Workshop wurden relevante Szenarien herausgearbeitet, die im Szenarienfolgeworkshops einzeln bewältigt werden sollen. Wichtige Grundlage dafür ist ein angemessen detailliertes Szenariensetting. Dazu zählen Rahmenbedingungen wie Wetter, Datum und die Uhrzeit, aber auch die Ursache des Szenarios und die Vorwarnzeit. Hilfreich für ein gemeinsames Gedankenmodell der Beteiligten kann zudem die Vorstellung eines Referenzszenarios sein.

Zu betrachten sind zum einen die eigene Betroffenheit und zum anderen die eigene Leistungsfähigkeit. Dabei bietet sich eine Fokussierung auf verschiedene Schutzgüter, wie z.B. Menschenleben, Gesundheit, Umwelt oder Wirtschaft, an. Erfahrungsgemäß ist an dieser Stelle die Einbindung weiterer Expertinnen und Experten, aber auch privater und wirtschaftlicher Akteure sinnvoll. Es ist zu klären, inwiefern die Privatwirtschaft Ressourcen zur Verfügung stellen kann bzw. geeignete Unternehmen Tätigkeiten selbstständig übernehmen können (z.B. Sägen bei Unwetter). Möglicherweise ist es hilfreich, private Kräfte und Einsatzkräfte zu sammeln (Kräftepooling) und in gemischten Trupps einzusetzen.

Darüber hinaus muss geklärt werden, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Leistungsfähigkeit der Gefahrenabwehr herzustellen und zu erhalten. Welche „eigene Betroffenheit“ der Gefahrenabwehr besteht? Konkret geht es dabei um Fragen der Unterbringung, Versorgung und Betreuung der ehrenamtlichen Hilfskräfte.

(4) Ableitung der Bedarfsmaxima


Am Ende jedes Szenarios werden die „Fähigkeitsbedarfe“ des Katastrophenschutzes abgeleitet. Die Erfahrung zeigt, dass eine Clusterung nach den klassischen Katastrophenschutz-Fachdiensten (Betreuung, Sanität, etc.) effektiv ist. Im Folgenden werden über alle Szenarien die Maxima abgeleitet. Ein Beispiel verdeutlicht diesen Schritt:

Szenario A: Im Fachdienst Betreuung sind 1.000 Personen über 5 Tage mit einer Vorwarnzeit von 24 Stunden unterzubringen und zu verpflegen.

Szenario B: Im Fachdienst Betreuung sind 3.000 Personen über 7 Tage mit einer Vorwarnzeit von 6 Stunden unterzubringen und zu verpflegen.

In diesem Beispiel liegt das Bedarfsmaximum in Szenario B und ist somit das bestimmende Element für die SOLL-Konzeption des Fachdienstes Betreuung.

Fähigkeitsbedarfe sollten sich allerdings nicht nur auf technische und personelle Ressourcen beziehen. Erfahrungsgemäß ergeben sich auch vielfältige Handlungserfordernisse für die Untere Katastrophenschutzbehörde. Aus diesem Grund hat es sich als äußerst praktikabel erwiesen, die „organisatorischen Bewältigungskapazitäten“ als eigenen Fähigkeitsbedarf auszuweisen und in die Maßnahmenableitung einzubeziehen.

(5) SOLL-IST-Abgleich


Für jedes benötigte Fähigkeitsmaximum wird der IST-Stand innerhalb des Zuständigkeitsbereiches der KatS-Behörde analysiert und erfasst.

Besteht eine Differenz zwischen SOLL und IST, werden Maßnahmen beschrieben, wie das Defizit behoben werden kann. Ergebnis des SOLL-IST-Abgleichs ist eine priorisierte Maßnahmenliste.

Fazit für die Praxis

Die Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten ist nicht nur für die Ziele der Katastrophenschutzbedarfsplanung hilfreich, sondern auch ausgesprochen sinnvoll für die Vernetzung im vorbereitenden Krisenmanagement („In Krisen Köpfe kennen“). Außerdem zeigt eine Zusammenarbeit bereits im Vorfeld wechselseitige Unterstützungsmöglichkeiten.

Die Berücksichtigung organisatorischer Bedarfe ist von großer Bedeutung und hilft ggf. auch der Unteren Katastrophenschutzbehörde, Personalbedarfe zu begründen.

Sinnvoll erscheint auch, die Akteure im Sinne eines „Planungsstabes“ zyklisch (z.B. jährlich) zu versammeln, um die Risikoanalyse und die Szenarienfolgeabschätzung fortzuschreiben.

In Anlehnung an die Bedarfsplanung in anderen Bereichen ist die Katastrophenschutzbedarfsplanung ein wichtiges Tool, um Länder und Kommunen effektiv und schlagfertig für die Ereignisbewältigung im Katastrophenschutz aufzustellen.

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